Mein Name ist Birgit Kaiser, und ich wohne im Erzgebirge.
Noch heute bin ich meinen Eltern unheimlich dankbar für die Entscheidung, mich 1987 nach der 3. Klasse aus der damaligen Sehschwachenschule in Weimar herauszunehmen und in die Blindenschule nach Chemnitz zu schicken. Wetterbeobachtungen waren mir nicht mehr möglich, die Note 4 im Lesen war ebenfalls dem schwindenden Sehrest geschuldet. An der Chemnitzer Schule, die ich bis zur 8. Klasse besucht hatte, konnte ich endlich unter Beweis stellen, was ich kann, und die Spirale wendete sich für mich, zum Glück bis heute, nach oben.
Mein ursprünglicher Wunsch nach dem Abitur in Königs Wusterhausen war es, Betriebswirtschaft zu studieren. Doch meine Mutter riet mir, mich doch besser für die Finanzverwaltung in Sachsen zu bewerben, um eine Beamtenlaufbahn einschlagen zu können und so einen sicheren Job zu bekommen. Gesagt, getan: Ich bewarb mich um ein Studium in der Finanzverwaltung an der Fachhochschule Meißen. Zur Sicherheit wählte ich zusätzlich die Studiengänge „Allgemeine Verwaltung“ und „Rechtspflege“. In einem gemeinsamen Bewerbungsgespräch für alle drei Fachrichtungen wurde schnell klar, dass im Fachbereich „Finanzverwaltung“ 1997 nicht ansatzweise der Wille erkennbar war, eine blinde Studentin aufzunehmen – ganz anders im Fachbereich „Rechtspflege“. Also entschied ich mich für diesen Fachbereich und beendete im Jahr 2000 mein Studium.
Unmittelbar nach Studienabschluss durfte ich meinen Job als Rechtspflegerin am Amtsgericht Zwickau aufnehmen. Ich hatte mich bewusst für ein relativ großes Gericht mit ca. 130 Mitarbeitenden entschieden, um eine gewisse Einsatzbreite zu haben, denn schon bei den beiden Praktika, in denen ich alle Gerichtsabteilungen durchlaufen hatte, wurde mir klar, dass ich nur in wenigen Bereichen relativ selbständig arbeiten könnte: In vielen Bereichen sind so dicke Akten zu studieren, dass eine Vorlesekraft in Vollzeit unentbehrlich ist.
Auf meinen Vorschlag hin wurde ich im Vereinsregister eingesetzt. Die Anträge dort sind überschaubar, sodass ich täglich nur ein bis zwei Stunden personelle Unterstützung brauchte. Hierfür erhält die Justiz vom Integrationsamt den sog. Zuschuss für personelle Unterstützung; wegen einer festgestellten Minderleistung wird zusätzlich ein Beschäftigungssicherungszuschuss gewährt.
Bis heute arbeite ich mit diesem Modell und bin sehr zufrieden damit, meiner Unterstützungskraft gegenüber gerade nicht als Arbeitgeberin auftreten zu müssen. Ein guter zwischenmenschlicher Kontakt ist aus meiner Sicht unverzichtbar. Ich nehme gern Hilfe an, wenn es um das Heraussuchen und Vorlesen weniger in der Akte verstreuter Informationen geht, wenn es um das Ausfüllen nicht barrierefreier Vordrucke geht oder wenn ich einen Weg gehen muss, den ich nicht kenne.
Inzwischen arbeite ich mit der dritten Kollegin zusammen und bin sehr stolz darauf, dass mir im Vertretungsfall viele andere Kolleginnen ihre Hilfe von sich aus anbieten. Das war nicht immer so, es gab auch Phasen, in denen ich um einen „Vorleser“ kämpfen musste. Dabei habe ich gelernt, dass mit Geduld und Freundlichkeit vieles möglich ist, was zunächst unmöglich erscheint. Der fortlaufende Zuspruch meiner besten Freundin war und ist da von unschätzbarem Wert.
Gleiches trifft auf meine Tätigkeit in der Rechtsantragstelle für Zivil- und Familiensachen zu, die ich von 2010 bis 2018 ausüben durfte. Erst heute sprach mich ein Herr an, dem ich vor Jahren half, eine gerichtliche Umgangsregelung mit seinem damals erst vierjährigen Kind zu beantragen.
Wie gut war es damals auch, dass ich umfassende Unterstützung einer blinden Rechtspflegerin erhielt: Sie schickte mir all ihre selbst in MS-Word gefertigten Antragsmuster, denn die Justizprogramme waren und sind für mich nicht zugänglich. In dieser Zeit war immer wieder beeindruckend für mich, wie vorsprechende Bürgerinnen und Bürger (ich nenne sie immer noch gern Kunden) auf meine Blindheit reagierten: Zu merken, dass nicht nur sie selbst ein Problem haben, sondern das Gegenüber auch, brachte selbst aggressive Leute zur Ruhe. Ganz wichtig war und ist es mir, dem Anderen das Gefühl zu geben, alles Mögliche für sie zu tun, sie nicht nur abfertigen zu wollen; das wurde und wird stets mit Geduld und Dankbarkeit belohnt.
So erlebe ich es auch in der örtlichen Schwerbehindertenvertretung, in der ich bereits seit über 20 Jahren als Vertrauensfrau tätig bin.
Seit 2018 habe ich mehr und mehr Zeit, mich um digitale Barrierefreiheit in der Justiz zu kümmern. Vieles habe ich mir selbst angeeignet, der Austausch mit fachlich versierten blinden und sehbehinderten Kollegen war und ist da Gold wert! Digitale Barrierefreiheit betrifft nicht nur ein einzelnes Gericht und so lag der Schluss nahe, dass ich in der Hauptschwerbehindertenvertretung diesbezüglich noch mehr bewirken kann; seit zwei Jahren bin ich dort 2. stellvertretendes Mitglied. Es macht mich durchaus nachdenklich, dass das Amt der Vertrauensperson in der Hauptschwerbehindertenvertretung für mich nicht infrage kommt. Ideen für diese Arbeit hätte ich genug, aber die Reisezeiten mit dem ÖPNV wären einfach zu lang und einen Fahrer für all die anstehenden Fahrten von Gericht zu Gericht bekomme ich nicht.
Nachdenklich stimmt mich auch, dass ich inzwischen nur noch zu einem Drittel als Rechtspflegerin für Vergütungen in Beratungshilfesachen tätig bin – im Übrigen bin ich verantwortlich für barrierefreie IT und in der Schwerbehindertenvertretung tätig.
Der Grund hierfür ist mangelnde Barrierefreiheit: Das hier in Sachsen eingesetzte E-Akten-System „VIS Justiz“ ist leider nicht vollständig barrierefrei, und der integrierte Aktenviewer für blinde Menschen ist leider überhaupt nicht nutzbar. Auch die Fachanwendung „forumSTAR“ ist für mich nicht zugänglich. Vom Nachfolger „GeFa“ (Gemeinsames Fachverfahren der Justiz) erhoffe und verspreche ich mir einiges mehr. Mir ist selbständiges Arbeiten unheimlich wichtig, was ich selbst tun kann, tue ich selbst, und so scanne ich auch alle Schriftstücke eigenständig.
So langsam habe ich mich daran gewöhnt, dass ich immer irgendwelche Hilfsmittelanträge bei unserer EDV-Stelle bzw. beim Integrationsamt „laufen habe“. Ist das Update des Screenreaders erledigt, geht der Scanner kaputt usw. Entsprechende Anträge zu stellen und alle nötigen Absprachen dazu zu treffen, sehe ich inzwischen als Teil meiner Arbeit, was mich vieles gelassener angehen lässt.
Mein Arbeitsweg von meinem Wohnort Schneeberg im Erzgebirge mit Bus und Bahn ist mit 1,5 Stunden pro Strecke relativ lang, ich arbeite in Vollzeit zu 40 Wochenstunden. Aber ich möchte meine Kollegen und Kolleginnen am Amtsgericht Zwickau nicht missen. Egal ob Richter, Rechtspfleger, Servicekräfte oder Wachtmeister – Wenn ich früh zur Arbeit komme, werde ich immer so richtig nett begrüßt, besser kann ein Tag nicht beginnen. Das Gefühl, dazu zu gehören und gebraucht zu werden, ist mir manche Mühe wert.
Neben den 40 Wochenstunden für die Justiz gibt es natürlich auch noch ein Privatleben: Meine beiden Nichten, 2009 bzw. 2012 geboren, sind für mich fast wie eigene Kinder. Gemeinsame Urlaube, Erlebnisse und Gedanken haben uns über die Jahre hinweg immer besser miteinander verbunden.
Dann sind da noch diverse Hobbys wie Schwimmen, Tandem fahren oder Wandern und natürlich das gemeinsame Singen mit meinem Gesangsterzett „Die Blinden Hühner“. Auch all das ist Bestätigung und Erfüllung für mich.
Die ehrenamtliche Arbeit in verschiedensten Vereinen wie z.B. im Verein „Wir sehen uns“ oder im „Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf“ bringt immer wieder Abwechslung für mich. Ich lerne Menschen kennen, auf die ich sonst wohl nie gestoßen wäre, und wir haben gemeinsam die Welt für uns ein ganz kleines Stück besser machen können: Das Verständnis für Barrierefreiheit und selbstbestimmtes Leben ist ein ganz Anderes als noch vor 25 Jahren.
Ich habe richtig gute Freunde und Bekannte, mit denen ich mich über Gott und die Welt austauschen kann. Konzert-, Kino- und Theaterbesuche bieten z.B. immer neuen Gesprächsstoff. Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands, aber gern auch ins Ausland (vorzugsweise Europa) habe ich meiner Familie und guten Freunden zu verdanken. Die vielen Bus- und Zugfahrten nutze ich gern zum Ausgiebigen Hören von Hörbüchern.
Wenn ich auf meine Chemnitz-Zeit zwischen 1987 und 1992 zurückblicke, bin ich vielen meiner damaligen Lehrer und Erzieher unheimlich dankbar, denn sie haben die Grundlagen für mein so erfülltes Leben gelegt. Selbständig leben und vor allem denken und urteilen zu können, ist unheimlich wichtig. Eine gute Bildung ist schließlich die Grundlage für einen guten Job, der wiederum erst ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben ermöglicht.

